Yoga und Aktivismus Teil I

 

Warum ich als Yogi Straßen blockiere – Yoga und Aktivismus Teil I

Wie ich dazu kam, die Welt zu lieben

Im Herbst ist es immer ganz arg mit mir: Ich bleibe vor Bäumen stehen und berühre Moos auf Mauern. Wenn dann jemand vorbeikommt, möchte ich ausrufen: „Gucken sie sich das mal an!“

Denn: Ich liebe die Natur. Ich liebe vielleicht sogar die Welt. Und ich weiß, sie liebt mich auch.  Ein Teil der Welt

Diese Weltliebe hat mich nun dazu gebracht, auf die Straße zu sitzen, den Verkehr einer Großstadt zu blockieren und ein Bußgeld zu kassieren.

Was Klimaaktivismus mit Yoga zu tun hat? Auf diese Frage weiß ich so viele Antworten, dass ich nicht genau weiß, wo ich anfangen soll. (und nicht nur einen sondern mehrere Blogartikel schreiben werde). Dieser erste Teil handelt davon, wie Yoga und Klimaaktivismus ganz allgemein zusammenhängen: durch Eins-Sein. 

Spiritualität als Basis für Klimaaktivismus

Für mich bedeutet spirituell sein, dass man an etwas glaubt, das nicht erfassbar oder messbar ist. Wer sich nur oberflächlich mit Religion und Spiritualität auseinandersetzt, bleibt dabei meist an Begriffen wie Gott, Shiva oder Allah hängen – Namen, die Menschen ihren Vorstellungen von Glauben gegeben haben. 

In einem non-dualen Verständnis, wie es bei vielen Philosophen und Theologen zu finden ist, gibt es aber keine Trennung mehr zwischen einem einzelnen Wesen und der Welt. Wir sind alle Eins. 

Diese Grundaussage basiert auch auf den yogischen Schriften. Advaita, bedeutet das Einsein von individuellem Bewusstsein und höherem Bewusstsein.

In den meisten Traditionen, Philosophien und Religionen taucht dieser Gedanke des Ein-Seins auf. Das ist einerseits theoretisch und komplex, aber zugleich praxiserprobbar und simple. 

Jede:r, der sich meditativ versenkt und in den Bereich der Stille und Präsenz tritt, kann dieses Eins-Sein spüren. Auch die Liebe ist ein Aspekt des Göttlichen (und somit praxiserprobbar).

Yoga ist ein Weg, um das individuelle Bewusstsein mit dem höheren Bewusstsein zu vereinen.

Mensch könnte jetzt fragen: Was hat das mit der Natur oder dem Planeten Erde zu tun? Wenn nur das Bewusstsein eine spirituelle Bedeutung hat, kann uns die materielle Welt ja ganz egal sein. 

Bewusstsein und Welt im Tanz

Ich bin Fan der non-dualen tantrischen Schriften. Wie auch im Vedanta gibt es hier ein allumfassendes Bewusstsein. Aber die erfahrbare Welt spielt eine ganz andere Rolle. Im Tantra gilt die Welt inkl. der Natur, als Aspekt des Göttlichen. Das individuelle Bewusstsein (atman) des Menschen wurde deshalb erschaffen, damit sich das höhere Bewusstsein (brahman) selbst erfahren kann. Im Tantra wird das Verhältnis von Bewusstsein und Materie als Tanz des göttlichen Paares Shiva und Shakti dargestellt. 

Das ist für mich am stimmigsten. In der Praxis bedeutet das, dass alles was wir über die Sinne wahrnehmen, sprich die Welt um uns und in uns, eine spirituelle Erfahrung ist. Kein einziger Moment ist bedeutungslos. 

Der Wind, der mein Haar bewegt, der süße Geschmack einer Erdbeere aber auch Trauer und Wut sind verschiedene Formen des göttlichen Ausdrucks und Erlebens.  

Ich bin der brennende Wald und die letzte Biene

Wenn ich also Eins bin mit der Welt, gibt es keine Trennung zwischen mir und brennenden Wäldern, verschmutzen Ozeanen, und verschwindenden Bienenpopulationen. Ich und diese Welt sind ein und dieselbe Sache. Das ist alles im Großen und Kleinen verbunden.

Und dieses Leben geht gerade den Bach runter.

Seit ich weiß, wie es um diese unsere Welt steht, bittet mich jede Blume um Hilfe und jeder Baum scheint zu seufzen unter der bedrohlichen Last. Der Klimawandel, die Ausbeutung der Ressourcen, die Verschmutzung – all das ist zu viel. 

Die Welt braucht uns. Wir müssen jetzt handeln und aktiv werden.

Aktiv werden hat für mich bisher geheißen, dass ich mich mit Extinction Rebellion im Oktober 2019 Berliner Straßen blockiert habe. 

Als Yogi und Klimaaktivistin auf der Straße

Zusammen mit vielen anderen Rebellen:innen habe ich im Oktober 2019 den Potsdamer Platz blockiert  Wir haben uns einfach mitten auf die Straße gesetzt, bis uns die Polizei weggetragen hat. 

Ich war im Vorfeld der Aktion nervös, weil ich ehrlich gesagt Angst vor einer gewaltvollen Konfrontation mit der Polizei hatte. Die Angst war in diesem Fall unbegründet. 

Die Straßenblockade hat sich vielmehr wie ein Festival angefühlt, denn wie eine Straßenschlacht. Mitten auf der Kreuzung haben Menschen Sofas, Zimmerplfanzen und Regale aufgebaut. Eine kleine Oase, eine Hauch einer Vision: so könnte die Welt von morgen aussehen. Menschen haben gesungen, Kekse geteilt und irgendwann hat jemand heiße Suppe gebracht. Das hat sich gut angefühlt und ich hab gespürt: ich bin nicht allein. Wir alle haben diese Vision, dieses Verlangen nach einer lebenswerten, friedlichen Welt. Einer Welt, in der das Wohl aller vor Profitwahn und Ausbeutung von Ressourcen steht. 

Yoga ist mehr als Praxis auf der Matte

Für mich hat sich dadurch ein Kreis geschlossen. Wenn ich ein Teil der Natur bin, dann stärke ich diesen Teil, indem ich mich mit anderen verbinde. Das Energiefeld, welches hieraus entsteht, ist spürbar und ansteckend. 

Beim Yoga machen wir diese Arbeit des Sich-Verbindens zunächst im Innern. Auf der Matte. Das ist gut und richtig. Denn Veränderung fängt immer bei uns selbst an. 

Von einer kraftvollen, stillen Mitte aus, können wir uns jedoch auch bewusst verbinden –  und mit anderen für das Leben und für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt einstehen.

Das ist meiner Meinung nach Eins-Sein in einer fortgeschrittenen, ja in einer gelebten, praktischen Form. Gemeinsam für eine andere Welt einstehen ist aktive Solidarität. Eins-Sein existiert nicht nur in uns, sondern zwischen uns. Diese gelebte Solidarität ist Botschaft aller großen Weltreligionen und sie ist auch Botschaft des Yoga. 

“lokah samastah sukhino bhavantu”

“Mögen alle Wesen Glück und Harmonie erfahren.”

Wir können das chanten und tief in unserem Herzen wünschen. Wir können aber auch aufstehen und für Glück und Harmonie einstehen.  

Mittlerweile habe ich mit anderen zusammen eine kleine Yoga-Gruppe innerhalb von Extinction Rebellion  Deutschland gegründet. Ich bin wild entschlossen, mich weiterhin auf die Straße zu setzen und für diese Welt einzustehen.

Aus Liebe zum Leben. Denn Handeln ist wichtiger als je zuvor. 

Hari Om Tat Sat

 

TEIL II demnächst! 

Für mich hat ein:e Yogi:ni dabei eine besondere Verantwortung, die sich nicht zuletzt aus der yogischen Verhaltensregel Ahimsa ergibt. Zum Thema Gewaltlosigkeit und wie das mit einer Straßenblockade zusammenpasst…. mehr im nächsten Teil! 🙂

 

 

Quellen:

Tantra Illuminated – Christopher Wallis

Osho – Yoga: The Science of the Soul

 Bagavat Gita

Yoga Sutras

Worthaus – Vorträge

Bilder:

Unsplash

Foto Baby 

Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen nehme ich Gott in mich hinein, durch die Liebe hingegen, gehe ich in Gott ein.

Meister Eckart

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