Yoga und Aktivismus Teil I

 Yoga und Aktivismus – passt das zusammen?

Im Herbst ist es immer ganz arg mit mir: Ich bleibe vor Bäumen stehen und berühre Moos auf Mauern. Wenn dann jemand vorbeikommt, möchte ich ausrufen: 

„Gucken sie sich das mal an!“

Die Welt ist für mich ein wundervoller Ort mit erstaunlich entzückenden Geschöpfen drauf. 

Es ist also kein Wunder, dass ich mich u.a.. für Klimaschutz einsetze oder lautstark meine Meinung gegen einen merklichen Rechtsruck in der Yogaszene sage. Manche behaupten: das ist doch unyogisch! Yogis sind nicht politisch! Yogis halten sich raus, schicken höchstens positive Energie. Aber ist das wirklich so? Ist Yoga unpolitisch und demnach Aktivismus und Yoga unvereinbar?   

 

Spiritualität als Basis für (Klima)Aktivismus

„Was kann ICH da groß machen?“, denken und sagen wahrscheinlich viele Menschen, wenn Sie mit den großen Herausforderungen der Welt wie Klimaschutz (oder Coronaviren!) konfrontiert werden. Denn es fällt den Menschen schwer, sich mit abstrakten Problemen auseinanderzusetzen. Vor allem, wenn sie weit weg oder unsichtbar sind. Natürlich schockieren uns Bilder von brennenden Wäldern, abgemagerten Eisbären oder Yogis neben Reichsbürgern. Aber am Ende des Tages haben diese Bilder wenig mit uns und unserer direkten Welt zu tun. Als wohlhabende Europäer in einem der reichsten Länder der Erde betreffen uns die Probleme der Welt eher weniger.  Uns mangelt es an nichts – weder an einem Dach über dem Kopf, noch an warmem Essen. Wer nichts hat, kann Hilfe beantragen. Das funktioniert nicht immer perfekt, aber es ist ein Luxus, den es in den meisten Ländern so nicht gibt. Das weiß ich unter anderem aus meiner Zeit in Spanien. Dort war ich auch selbstständig. Aber ich wusste: wenn ein Auftraggeber mal nicht zahlt, lande ich auf der Straße. Das ist in Deutschland nicht so. Das soziale Netz funktioniert hier in den meisten Fällen wirklich gut. 

In dieser bauschigen Filterblase haben wir es uns die letzten Jahrzehnte immer bequemer gemacht. Wir sind hier, und da sind die Probleme der Anderen. Es tut uns leid, aber irgendwie geht es uns auch nichts an. Das dem zu Grunde liegende Verständnis ist, dass wir uns getrennt sehen vom Rest der Welt. Hier bin ICH, in Sicherheit. Und dort, weit weg, leiden Menschen. Oder Tiere. Was kann ich, als unbedeutendes Rädchen im Getriebe daran ändern?  

Im einem yogischen, non-dualen Verständnis gibt es diese Trennung nicht zwischen einem einzelnen Wesen und der Welt. Wir sind alle Eins. Yoga selbst bedeutet Einheit. Die yogische Praxis zielt darauf ab, diese Einheit zu erfahren. Auch in anderen Traditionen, Philosophien und Religionen taucht dieser Gedanke des Ein-Seins auf. Und aus diesem EIns-Sein folgt konsequenterweise, dass auch ich betroffen bin, wenn es anderen schlecht geht. 

Und diese spirituelle Verbundenheit, die auch als Präsenz oder Liebe bezeichnet werden kann, gibt es nicht nur als abstraktes Konzept. Dass wir alle miteinander verbunden sind, ist auch tatsächlich so in der Welt. 

Alles ist mit allem verbunden – spirituell und wissenschaftlich! 

Nicht zuletzt seit ich mich mit dem Thema Klimaschutz beschäftige, weiß ich, dass auf dieser Welt alles mit allem zusammenhängt. Wenn irgendwo etwas im Kleinen aus dem Gleichgewicht gerät, hat das Auswirkungen aufs große Ganze. Wir pflanzen vielleicht ganz unschuldig eine fremde Pflanzensorte in unserem Garten und diese breitet sich invasiv aus. In Australien brachte 1859 ein Farmer 24 Kaninchen mit, die sich aufgrund fehlender natürlicher Feinde rasant ausgebreitet haben. Das hat zur Verwüstung ganzer Landstriche geführt! 

HaseDie Welt in der wir leben ist ein großer Organismus, der sich über Jahrmillionen eingerichtet hat. Das große Geben und Nehmen, das haben wir Menschen durchbrochen – wahrscheinlich in dem Moment, als wir das Feuer entdeckt haben und damit urplötzlich unangreifbar wurden. 

Wir verstehen uns als Krone der Schöpfung, dabei sind wir nur ein Teil des großen Ganzen. Und auch wenn es uns schwer fällt, dies zu begreifen: Unsere Zeit hier auf Erden ist begrenzt. Wir stehen nicht über den Dingen, sondern mitten in den Dingen. Deshalb ist es unsere Pflicht, ja überlebens-notwendig, dass wir unsere Umwelt bewahren und nicht zerstören. Wer das nicht begreift, hat Yoga nicht verstanden. Wir sind keine Hausherren auf der Erde, wir sind nur Gäste. Danach sollten wir unser Handeln ausrichten. 

Auch wenn Rechte Hand in Hand mit Yogis durch die Straßen mischen, ist es Zeit, die Stimme zu erheben. Denn rechte Ideologie ist grundsätzlich nicht inklusiv. Rechtes Gedankengut schließt Menschen aus, die nicht weiß, reich oder der „Norm“ entsprechend, sind

Es ist Zeit, dass sich Yogis auf der ganzen Welt zusammenschließen und lernen, sich yogisch einzumischen. Mit viel Herz, aber noch mehr Mut. Denn genau das ist die Geschichte der Bhagavad Gita, einer der Grundlagen für die yogische Philosophie! Auch Arjuna und seine Familie stellen sich gegen Ungerechtigkeit. Sie wehren sich gegen Unterdrückung und Exklusion. Davon handelt die Bhagavad Gita. 

Yoga ist mehr als Praxis auf der Matte

Manchmal sitze ich zu Hause und lese Beiträge und, noch schlimmer, Kommentare unter diesen Beiträgen und sofort überkommt mich dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Wie soll ich gegen all diesen Hass, all die Ignoranz angehen, die mensch heutzutage in den sozialen Medien findet? Wenn es Dir genauso geht, dann kann ich Dir sagen, was mir im Endeffekt hilft: Raus aus den eigenen vier Wänden und Gleichgesinnte suchen, die sich auch für eine andere Welt einsetzen. Um das Getrenntsein zu überwinden, hilft am besten Verbindung. Und als Yogi*nis haben wir sozusagen Superkräfte. 

Beim Yoga machen wir diese Arbeit des Sich-Verbindens zunächst im Innern. Auf der Matte. Denn Veränderung fängt immer bei uns selbst an. Von einer kraftvollen, stillen Mitte aus, können wir uns mit anderen Menschen verbinden und uns auch aktiv für uns wichtige Themen einsetzen.

Das ist meiner Meinung nach Eins-Sein in einer fortgeschrittenen, ja in einer gelebten, praktischen Form. Gemeinsam für eine andere Welt einstehen ist aktive Solidarität. Eins-Sein existiert nicht nur in uns, sondern zwischen uns. Diese gelebte Solidarität ist Botschaft aller großen Weltreligionen und sie ist auch Botschaft des Yoga. 

„lokah samastah sukhino bhavantu“

„Mögen alle Wesen Glück und Harmonie erfahren.“

Wir können das chanten und tief in unserem Herzen wünschen. Wir können aber auch aufstehen und genau dafür einstehen. Mögen ALLE Wesen Glück und Harmonie erfahren…und nicht nur ein paar Ausgewählte.

Let´s do this together! 

Hari Om Tat Sat


 

Quellen:

Tantra Illuminated – Christopher Wallis

Osho – Yoga: The Science of the Soul

Bagavat Gita

Yoga Sutras

Worthaus – Vorträge

Bilder:

Unsplash

Foto Baby 

Gott und ich, wir sind eins. Durch das Erkennen nehme ich Gott in mich hinein, durch die Liebe hingegen, gehe ich in Gott ein.

Meister Eckart

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